Stiftungen sind in Deutschland steuerprivilegierte private Akteure mit beträchtlicher politischer Wirkung. Sie sind weder Unternehmen noch Behörden, weder Parteien noch Verbände — und genau diese Schwellenposition macht sie zu einem der einflussreichsten und zugleich am wenigsten verstandenen Akteure des deutschen Gemeinwesens. Sie wirken nicht direkt: nicht durch Wahlen, nicht durch Sendezeit, nicht durch Lehrstühle. Sie wirken über die Empfänger ihrer Mittel — Medienhäuser, Recherche-Plattformen, Hochschulen, NGOs, Konferenzformate, Beratungsstellen.
Wer den Stiftungssektor verstehen will, muss diese Förderketten nachzeichnen. Eine Stiftung wird nicht gewählt; sie ist niemandem rechenschaftspflichtig. Gleichzeitig ist sie steuerprivilegiert: körperschaftsteuerbefreit, mit Schenkungs- und Erbschaftsteuerprivilegien, mit Spendenabzug nach §§ 51 ff. AO. Diese Privilegien sind im deutschen Gemeinnützigkeitsrecht an klar definierte Zwecke gebunden — Wissenschaft, Bildung, Kultur, Demokratie. Politisch parteiergreifende Tätigkeit ist nach § 52 AO ausdrücklich nicht gemeinnützig. Genau hier liegt die strukturelle Spannung, die dieses Dossier sichtbar macht.
Die Beiträge dieser Sammlung folgen den Geldflüssen, den Personen, der Geschichte und den Förderlogiken. Sie zeigen, wie aus klassischen Sozialwerken des 19. Jahrhunderts — Ernst Abbes Carl-Zeiss-Stiftung, Robert Boschs Sozialfürsorge — im 20. und 21. Jahrhundert politisch wirksame Steuerungsinstrumente geworden sind, die nach amerikanischem Vorbild operieren: Themen setzen, Empfänger fördern, Diskursergebnisse verstärken. Sie folgen den Vermögensgeschichten, die in mehreren Fällen bis ins Dritte Reich zurückreichen — dokumentiert in konzern-eigenen historischen Aufarbeitungen, die selten breiter öffentlich rezipiert werden. Und sie zeichnen die personellen, geografischen und institutionellen Verflechtungen nach, die einen scheinbar pluralen Sektor in Wirklichkeit als konsolidiertes Netzwerk erkennbar machen.
Den Anlass dieses Dossiers liefert ein konkreter Vorgang: die koordinierte Aktion vom 4. Mai 2026 — Tag der Pressefreiheit. An diesem Tag erklärten drei Bundestagsfraktionen wortgleich ihren Ausstieg aus X, parallel nahmen sechzehn deutsche Stiftungen gemeinsam einen eigenen Mastodon-Server in Betrieb. Wer diese Aktion strukturell durchdringt, sieht eine Diskursinfrastruktur, die sich selbst als Wächter der Demokratie inszeniert — finanziert aus Vermögen, das öffentlich subventioniert wird und dessen Empfänger zugleich der Allgemeinheit vorgeben, in welche Richtung sie zu denken habe.
Die Frage, die dieses Dossier stellt: Wer hat in einer Demokratie das Mandat dazu?