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Veröffentlicht im April 2026

Berlin und Moskau – Europas verdrängte Stabilitätsfrage

Mehr als ein bilaterales Verhältnis

Europäs Ordnungsfrage wird nicht in Brüssel entschieden. Auch nicht in Paris oder London. Sie liegt tiefer. Sie verläuft zwischen Deutschland und Russland.

Europa redet ununterbrochen über Sicherheit. Aber kaum noch über Ordnung. Kriege enden nicht dadurch, dass man sie moralisch kommentiert. Sie enden nicht durch Lagerbildung, Sanktionsstapelung oder neue Feindbilder. Sie enden erst dann wirklich, wenn nach der Eskalation eine tragfähige Ordnung entsteht.

Genau an diesem Punkt beginnt die verdrängte Frage dieses Kontinents: Könnte die Beziehung zwischen Deutschland und Russland eines Tages wieder zu einem Stabilitätsfaktor für Kontinentaleuropa werden?

Im gegenwärtigen Klima wirkt schon die Frage verdächtig. Das sagt mehr über den Zustand der Debatte als über den Gegenstand selbst. Geopolitik funktioniert nicht nach Sympathie. Sie funktioniert nach Raum, Ressourcen, Industrie, Infrastruktur und politischen Interessen. In dieser Logik bleibt das Verhältnis zwischen Berlin und Moskau eine Schlüsselfrage Europas – auch dann, wenn man es moralisch tabuisiert.

Bekannte Reflexe und historische Muster

Die Geschichte Europas kennt immer wieder Momente, in denen das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland weit mehr war als bilaterale Außenpolitik. Der Vertrag von Rapallo 1922 war ein solcher Einschnitt. Am 16. April 1922 vereinbarten das Deutsche Reich und Sowjetrussland die Aufnahme wirtschaftlicher und diplomatischer Beziehungen. Kein Friedensmodell. Aber ein Signal: Sobald Berlin und Moskau ihre Interessen neu aufeinander beziehen, gerät das strategische Gleichgewicht Europas in Bewegung.

Dasselbe Muster blitzte nach dem Kalten Krieg noch einmal auf. In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 25. September 2001 erklärte Putin, Europa könne seine Rolle als mächtiger und selbstständiger Mittelpunkt der Weltpolitik nur in Verbindung mit den menschlichen, territorialen und Naturressourcen Russlands festigen. Das war mehr als diplomatische Höflichkeit. Es war ein strategisches Angebot – Russland nicht als äußeren Gegenpol, sondern als Teil einer größeren europäischen Ordnung zu denken.

Dass dieses Angebot scheiterte, ändert nichts an der Struktur darunter. Deutschland bleibt die industrielle Kernzone Europas. Russland bleibt – trotz Krieg, Sanktionen und politischer Entfremdung – ein rohstoffreicher, militärisch relevanter und geographisch dominanter Machtfaktor zwischen Europa und Asien. Das Angebot wird Putin möglicherweise erneut unterbreiten. Nur anders: mit Bedingungen und Sicherheitsgarantien für Russland, Putin hat seine Lektion gelernt. Es geht um nicht weniger als eine neue europäische Ordnung.

Verständigung ja, aber mit Bedingungen

Genau hier liegt die Grenze jeder romantischen Projektion. Eine deutsch-russische Verständigung hätte nur dann Zukunft, wenn sie nicht als exklusives Direktorium zweier Großmächte gegen den Rest Europas erscheint. Sobald Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Österreich, die baltischen Staaten oder die Balkanräume den Eindruck gewinnen, zwischen Berlin und Moskau lediglich neu einsortiert zu werden, wäre jede solche Achse politisch vergiftet. Dann entstünde keine Stabilität – sondern dieselbe alte Angst in neuer Form.

Stabilität entsteht in Europa nicht durch die Stärke eines Zentrums allein. Sie entsteht nur dann, wenn kleinere und mittlere Staaten erkennen, dass eine neue Ordnung auch ihnen nützt. Eine tragfähige kontinentale Achse müsste so gebaut sein, dass auch der Raum dazwischen profitiert: durch verlässlichere Sicherheitsarchitekturen, wirtschaftliche Anschlussfähigkeit, stabile Energie- und Handelsräume und mehr eigenen politischen Spielraum statt neuer Abhängigkeiten. Ohne diesen breiteren Nutzen wäre das Projekt nicht friedensfähig. Es wäre nur die nächste Form geopolitischer Überformung.

Warum Europa nicht mehr fremdgeordnet bleiben kann

Hinzu kommt eine zweite Verschiebung. Vieles spricht dafür, dass die anglo-amerikanischen Interessen sich langfristig stärker auf den amerikanischen Raum konzentrieren werden. Das wäre keine vollständige Abkehr von Europa – aber eine Schwerpunktverlagerung mit Folgen. Historisch ist diese Logik in der Monroe-Doktrin angelegt, die 1823 die westliche Hemisphäre als eigenständigen Ordnungsraum definierte. Trumps „America first“-Politik ist ein eindeutiges Signal – und mittlerweile wird sogar von einer neuen „Donroe-Doktrin“ gesprochen. Für Europa hieße das: Der Kontinent müsste aufhören, seine Sicherheit und Verantwortung fortwährend auf die USA abzuwälzen.. Er müsste selbst wieder denken und handeln.

Ein Europa, das seine Sicherheits- und Ordnungsfrage dauerhaft durch externe Mächte lösen lässt, bleibt strategisch unmündig. Es bleibt global betrachtet irrelevant. Es bleibt Objekt. Und es wird gerade dadurch instabil.

Die britische Frage

Großbritannien stünde in einer solchen Lage vor einer eigenen Richtungsentscheidung. Es könnte sich noch deutlicher als Teil der anglo-amerikanischen Sphäre verstehen. Es könnte aber auch seine historische Rolle als europäische Macht neu gewichten. England war nie einfach nur europäisch. Aber es war auch nie bloß außereuropäisch. Seine Stärke lag oft gerade darin, zwischen beiden Räumen zu operieren und das kontinentale Gleichgewicht zu beeinflussen, ohne selbst ganz darin aufzugehen. Ob London künftig hemisphärisch oder strategisch europäisch denkt, ist offen. Gerade deshalb ist die britische Frage relevant.

Multipolarität statt universaler Führungsansprüche

Im Hintergrund steht ein größerer Ordnungswechsel bevor. Die Welt wird sich voraussichtlich nicht dauerhaft entlang eines einzigen Machtzentrums organisieren. Der Munich Security Report 2025 fragt ausdrücklich, ob die internationale Ordnung in eine Ära der Multipolarität eintritt – und dieser Begriff prägt den realen geopolitischen Diskurs längst, weit über russische Regierungsäußerungen hinaus.

Multipolarität bedeutet nicht Harmonie. Aber eine multipolare Welt kann stabiler werden als eine unipolare, wenn sie den Zwang mindert, völlig verschiedene historische, kulturelle und geopolitische Räume unter eine einzige Führungslogik zu pressen. Wenn Großräume ihre Interessen stärker im eigenen Raum ordnen, statt universalistische Machtansprüche in andere Kontinente hineinzutragen, sinkt das strukturelle Kollisionspotenzial. Das ist der eigentliche strategische Gedanke. Nicht Weltfrieden. Sondern weniger strukturelle Kollisionen zwischen Räumen, deren Interessen nicht deckungsgleich sind.

Ordnung oder neues Misstrauen

Die eigentliche Provokation für die etablierte Ordnung ist nicht, dass Deutschland und Russland eines Tages wieder miteinander sprechen könnten. Die eigentliche Provokation lautet, dass Europa langfristig womöglich gar nicht stabilisiert werden kann, ohne die Beziehung zwischen beiden neu zu denken.

Das ist nicht romantisch. Nicht naiv. Nicht als Wiederauflage alter Einflusszonen. Sondern als harte Ordnungsfrage in einer multipolaren Welt, die sich von universalistischen Führungsansprüchen weg und zu größeren Macht- und Zivilisationsräumen hin bewegt.

Ob Berlin und Moskau jemals wieder zu einer tragfähigen Verständigung finden, ist offen. Nach dem Krieg, nach der Zerstörung, nach dem tiefen Vertrauensbruch ist das kein kurzfristiges Szenario. Eine neue Achse, besser eine neue Verbindung zwischen Deutschland und Russland hätte nur dann Zukunft, wenn sie Europa nicht spaltet, sondern ordnet. Wenn sie nicht ausschließt, sondern integriert. Wenn sie nicht nur zwei Zentren stärkt, sondern dem übrigen Kontinent einen realen Vorteil verschafft.

Alles andere wäre keine neue Stabilität. Alles andere wäre nur das nächste Vorspiel zur nächsten Krise.

Loreley+

SERIE EUROPA • 3 Teile

Inhalt dieser Serie

01

Deutschland und Russland: Europas blockierte Achse

frei

02

Berlin und Moskau – Europas verdrängte Stabilitätsfrage

Loreley+

03

Ein Duopol als Stabilisierung Europas in einer multipolaren Welt

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